Künstliche Intelligenz auf der Überholspur – Übernimmt Sie die kreativen Aufgaben eines Webentwicklers?

  • von Christian Schulze

“Siri, erstell mir eine Website!” Von der individualisierten Spotify Playliste bis zum autonom fahrenden Auto, Künstliche Intelligenz ist das heiße Thema in der Technologiebranche. Nun sollen auch kreative Aufgaben von Software mit KI übernommen werden. Ist das überhaupt möglich? Müssen sich Webentwickler vor der neuen Konkurrenz fürchten oder besteht kein Anlass zur Besorgnis?

Was ist künstliche Intelligenz?

KI (künstliche Intelligenz) oder auch AI (artifizielle Intelligenz) ist laut Wikipedia ein Teilgebiet der Informatik, welches sich mit der Automatisierung intelligenten Verhaltens befasst. Allerdings scheitert eine genaue Definition bereits am Mangel einer genauen Defininition von Intelligenz. Daher unterscheidet man allgemein auch zwischen einer starken und schwachen KI. Letztere übernimmt nur kleine Aufgaben und versucht durch die Analyse von Verhalten, Mustern und Gegebenheiten eine Entscheidung zu treffen.

Teilgebiete der AI sind unter anderem Wissensbasierte Systeme, Musteranalyse und Erkennung sowie Mustervorhersage. Alles Ansätze, die uns in zahlreichen Aufgaben beim täglichen Leben unterstützen können. Jedoch sind wir noch sehr weit von einer starken KI entfernt, welche das menschliche Denken nachbildet. Künstliche neuronale Netzwerke, auch unter dem Begriff “Deep Thinking” bekannt, sind erste Versuche, Intelligenz nicht mehr zu programmieren, sondern mit Hilfe von Daten zu trainieren.

Kreativität automatisieren?

Kreativität beschreibt die Fähigkeit, etwas vorher nicht dagewesenes und originelles Neues zu erschaffen. Das lässt sich nicht einfach automatisieren. Zu vielseitig und unüberschaubar sind die Variablen. Um etwas Neues zu erschaffen müssen wir neben Erfahrung und der Beherrschung von Werkzeugen auch Softskills wie Eingebung, Intuition und Inspiration aufbringen.

Jedoch sind nicht alle Projekte und Herausforderungen in der Kreativbranche auf wirkliche Kreativität angewiesen. Viele Aufgaben wiederholen sich und geben nicht viel Spielraum für wirklich Neues. Ein Flyer hat eine definierte Größe, muss definierte Informationen beinhalten und wird mit der immer gleichen Vorlage der Druckerei angelegt. Gleiches gilt für die meisten Websites. Wir arbeiten mit den immer gleichen Elementen: Horizontale Navigation, rechtwinklige Inhaltsbereiche mit Text und Bild, Vorstellung des Teams mit Bild, Name und Position und so weiter. Die Kreativität dabei beschränkt sich oft auf Nuancen.

Die angesprochene Repetition von bekannten Elementen im Webdesign führte zu einer rasant steigenden Beliebtheit von Themes, Templates und Website-Baukästen. Warum sollte erst die immer gleiche HTML-Struktur schreiben, wenn man diesen Schritt überspringen und vorgefertigte Blöcke nutzen kann?

Je genauer die Aufgabe eingrenzbar ist, umso einfacher lässt sie sich automatisieren. Websites mit den üblichen Inhaltselementen bieten da ein fast schon ideales Feld für intelligente Systeme.

Doch die neue Technologie stößt schnell an Ihre Grenzen. Wer den Freelancer- oder Agenturalltag im Bereich Webentwicklung kennt, weiß um der vielen kleinen Entscheidungen und Kompromisse die man täglich eingehen muss. Kundenwünsche und die Rahmenbedingungen eines Projekts können sich schnell ändern. Hier sind die vorhin angesprochenen Soft Skills gefragt: Erfahrung, Intuition und Mut zur Improvisation. All das können AI-Systeme (noch) nicht leisten. Doch es gibt erste Ansätze.

WIX ADI – Die intelligente Homepage

Das Unternehmen Wix.com mit Hauptsitz in Tel Aviv bietet nun schon seit über zehn Jahren einen Homepage-Baukasten für die einfache Erstellung einer Website an. Doch bei WIX kann man sich nicht nur eine kostenlose Homepage klicken, das Unternehmen bietet seit Neuestem auch einen Cloudservice mit KI an.

Im Juni 2016 wurde die neue Technologie Wix ADI – Artificial Design Intelligence vorgestellt. Der Service soll das Erstellen einer professionell anmutenden Website für Jedermann so einfach wie möglich gestalten. Mit ein paar wenigen Fragen werden dabei die Rahmenbedingungen festgelegt. Anschließend setzt die Software aus seinen vordefinierten Komponenten ein Webdesign zusammen und schlägt passende Inhalte wie Bilder und Texte vor. Dabei soll es Millionen von Kombinationen geben, so dass die automatisch erzeugte Website ein Unikat ist.

Der Prozess kann entweder vollautomatisch passieren oder den Benutzer Schritt für Schritt durch die Erstellung führen und dabei passende Vorschläge unterbreiten.

Mit dem Ergebniss muss man sich nicht zufrieden geben, Farbkombinationen, Bilder, Texte und Videos können mit dem Homepage Editor einfach ausgetauscht werden.

Die Zielgruppe des neuen Service sind die über 100 Millionen Kunden, die das Unternehmen laut eigenen Angaben bereits hat: Selbstständige und kleine Unternehmen. Für Sie kommt eine umfangreichen Leistungen von professionellen Webentwicklern und Agenturen schon rein finanziell nicht in Frage. Mit einem Baukasten und dem neuen intelligenten Assistenten sind die grundlegenden Bedürfnisse für eine moderne Website abgedeckt.

Kann künstliche Intelligenz zur Konkurrenz der Kreativwirtschaft werden?

Ja und nein.

Ja! Einfache und sich wiederholende Aufgaben im Bereich Design und Webentwicklung können bereits jetzt von den ersten KI-Systemen übernommen werden. Wenn diese Technologien erwachsen werden, wird es schwer mit einem immer gleich aussehenden Template zu punkten. Theme-Entwickler und Theme-Benutzer sollten sich schon jetzt auf komplexere Aufgaben stürzen sonst kann Ihre Dienstleistung in Zukunft obsolet werden.

Nein! Aufwendige Projekt mit individueller Gestaltung und innovativer Programmierung werden in absehbarer Zeit nicht von Siri und Co. erledigt werden können. Dafür braucht es weiterhin den Menschen mit seiner gesammelten Lebenserfahrung, seinem Drang etwas Neues zu schaffen und seinem Sinn für Humor.

Fazit

Trotz der bemerkenswerten technischen Fortschritte, stehen die kreativen Berufe meiner Einschätzung nach nicht auf der Abschussliste und werden von der großen Automatisierungswelle vorerst verschont.

Auch die fortgeschrittenste AI kann die Arbeit von Künstlern, Fotografen, Typografen und Professionellen Entwicklern nicht ersetzen. Dem Amateur kann Sie dagegen unterstützend zur Seite stehen und wird das auch in zunehmendem Maße leisten.

8 Kommentare

  1. Tom Ziegler
    9. August 2017 um 09:25 Uhr

    Sehr interessanter Beitrag!
    Nach meiner Meinung liegt die Probleme in anderem: es geht jetzt fast nicht um die Vollautomatisierung der Kreativität, sondern um die Erleichterung der Computerarbeit. Dazu gehört in erster Linie Webdesign und Softwareentwicklung. Es ist unbedingt gut für Anfängers oder Unternehmern, trotzdem, wird es IT auf den Kopf stellen.

  2. Erik
    16. Oktober 2017 um 16:45 Uhr

    Ein sehr interessantes Thema, was mich schon länger beschäftigt. Ich denke zwar, dass solche Tools in Zukunft uns Webdesigner immer mehr und mehr ersetzen werden (immerhin sparen Kunden mithilfe ähnlicher Systeme heute schon Zeit und Geld), aber Kunden mit gehobenen Ansprüchen werden auch weiterhin die Arbeit einer „richtigen“ Agentur zu schätzen wissen, auch, was die Betreuung und den Support der Website betrifft.

    Dass Wix sowas anbietet, wusste ich gar nicht und werde das mal bei Gelegenheit testen 🙂

  3. Lars
    4. Dezember 2017 um 14:23 Uhr

    Hallo Christian,

    es mag ja sein, dass man anhand der Vorgaben eine Website erstellen kann. Aber Webdesign ist immer noch ein Handwerk.
    Nicht nur Bilder und Text auf die Website und fertig.
    Es kommt ja auf die richtigen Farbkombinationen, Bilder und Texte etc. an und da spielt Erfahrung und eine gewisse Leidenschaft für das Thema schon eine große Rolle.
    Das wird KI nicht können.

    Gruß
    Lars

  4. Marie Müller
    5. März 2018 um 10:03 Uhr

    Wow, interessanter Artikel, ob die KI wirklich irgendwann Websiten bzw Werbeagenturen ablösen wird ist eine wirklich interessante frage. Meiner Meinung nach… bevor das passiert haben wir auch viele andere „Arbeitslosen“ und das Problem ist weitaus Größer als das die KI Websiten baut sondern komplette Berufsparten auslöschen wird…

  5. we-love-webdesign
    26. März 2018 um 08:41 Uhr

    Erstmals ein sehr guten und interessanter Beitrag! Ich sehe es genauso wie du. Auch wenn die technische Vorschritte in dem Bereich enorm sind, denke ich, dass sie einen richtigen Webentwickler nicht ersetzen können. Ich arbeite Tag für Tag an Internetseiten und werde auch niemals auf technische Intelligenz umsteigen.
    Viele Grüße

  6. ONMA Hannover
    26. April 2018 um 13:48 Uhr

    Ein wirklich spannendes Thema, dass Sie hier ansprechen. Künstliche Intelligenz in Relation mit Webdesign. Dennoch denke ich, dass der Mensch noch das gewisse etwas hat um der Webseite den perfekten Schliff zu verleihen.

  7. Jens
    7. Mai 2018 um 17:57 Uhr

    Interessanter Beitrag! Kreative Berufe kaum von künstlichen Intelligenz ersetzt werden können, da Kreativität nicht programmiert sein kann.

  8. Yvette
    24. Juni 2018 um 15:58 Uhr

    Auch meine Erfahrung ist, dass die KI’s noch lange nicht so weit sind, um künstlerische Arbeit zu ersetzen und auch dann können die Maschinen auch nur das „nachmachen“ was vorher schon da gewesen ist. Bis ein Webdesigner oder Fotograf etc. um seinen Beruf bangen muss, werden es noch ein wenig dauert. Die Anforderungen an die jeweiligen Berufsgruppen werden aber steigen. Jemand der eine KI oder einen Machine Learning Algorithmus für sich arbeiten lassen kann, hat natürlich einen riesen Vorteil.

Hinterlasse einen Kommentar