Der eigene Stil…

Über den eigenen Stil denken bestimmt viele Webdesigner nach. Er kann aber auch zur Last werden und ist vielleicht gar nicht so wichtig.

  • von Lennart Prange

Vor allem Neulinge in der Szene stellen häufig die Frage, wie man zu seinem eigenen, unverwechselbaren Stil kommt.

Diese Frage haben vielleicht einige für sich beantworten können. Andere sind auf der Suche nach ihrem eigenen Stil und dann gibt es noch die, die sich nicht dafür interessieren.
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Wie man zu seinem eigenen Stil kommt ist in diesem Beitrag nicht das Thema. Stattdessen beantworte ich die Frage, warum man keinen eigenen Stil braucht und warum er sogar schädlich sein kann.

Was ist der eigene Stil

Der eigene Stil ist für viele Webdesigner ihre ganz persönliche, individuelle Art, Internetseiten zu gestalten. Durch den eigenen Stil wird Arbeiten eine persönliche, unverwechselbare Note verpasst.

Der eigene Stil kommt aus einem selber und ist nirgendwo nachgemacht. Im optimalen Fall mag man die eigenen Arbeiten mehr als die anderer Webdesigner. Denn der eigene Stil ist das Optimum. Genauso müssen Webseiten aussehen. Der eigene Stil trifft den eigenen Geschmack.

Der eigene Stil schafft Routine…

… und Routine ist zerstört die Kreativität und damit auch meitens die Fähigkeit, sich und seine Arbeiten weiterzuentwickeln.

Wer bei Photoshop immer die gleichen Filter benutzt und die gleichen Verläufe verwendet, wer immer das gleiche Raster und ein ähnliches Layout verwendet, hat als Webdesigner verloren. Selbst wenn man das auf einem hohen Niveau tut: Die Webdesigns sind ähnlich, sie sind nicht innovativ und unkreativ.

Die Routine macht einen selber blind für Verbesserungsmöglichkeiten.

Ein schönes Beispiel dafür, was kreative Köpfe, die sich ihre Neugier und ihren Ehrgeiz erhalten haben, erreichen können, findet man bei 37signals. Dort gibt es webbasierte Apps für Kollaboration, Projektmanagement uvm.
Anstatt die Anzahl an Registrierungen zu akzeptieren – und die war sicherlich nicht so schlecht – versuchte das Team, die Registrierungen zu erhöhen.
37signals änderte den Text des call-to-action Buttons, den Besucher benutzen müssen, um die Preise eines Produktes aufzurufen, mehrfach. Anstatt ihn bei Buy Now, Free Trial oder Sign-up for Free Trial zu belassen, probierten sie weiter. Der Satz “See Plans and Pricing” hat dann dazu geführt, dass die Registrierungen um 200% anstiegen. Um 200%!

Hätte man es geschafft, wenn man einfach sein Programm abgespult hätte mit den immer gleichen Buttons? Natürlich nicht.
Routine und gleiche Arbeitsabläufe sind ohne Frage effektiver, sie nehmen euch aber auch, wenn ihr Pech habt, eure Kreativität. Man nähert sich damit einer Maschine an. In der Kreativbranche ist das absolut tödlich.

37signals

Ich bin nicht komplett gegen die Routine. Ganz im Gegenteil: Ich denke, dass Routine nötig ist. Denn, wie schon gesagt, macht sie einen häufig effektiver. Man darf dabei aber nicht komplett abstumpfen und Neugier und Ehrgeiz, das Maximum aus einer Webseite rauszuholen, verlieren.

Übrigens: Jason Fried von 37signals glaubt, dass Leute, wenn sie den Text Free Trial sehen, denken, dass sie sich automatisch bei irgendwas anmelden würden. Das kann meiner Meinung nach sehr gut sein und zeigt, wie wichtig Psychologie auch für Webdesigner sein kann.

Der eigene Stil ist selten der eigene Stil

Viele denken, dass ihr eigener Stil sie als Webdesigner einen Schritt voranbringt und wirklich einzigartig macht. Das ist leider in den meisten Fällen keineswegs so.

Wer sich öfters mal durch Galerien wie cssmania klickt, stellt doch häufig eine Sache fest: Viele Seiten sind sich sehr ähnlich. Und das macht auch vor privaten Blogs von Webdesignern und deren Portfolios nicht halt. Obwohl man bei Blogs und Portfolios doch annehmen sollte, dass die Designer komplette Freiheit haben und ihren eigenen Stil komplett umsetzen können.

Leider ist die Bildung eines eigenen Stils aber nicht so einfach, wenn man häufig in Galerien unterwegs ist, sich die Seiten anderer Webdesigner anschaut. Wer so vielen Eindrücke verarbeiten muss, lässt sich meistens auch von dem Gesehenen inspirieren. Ob bewusst oder unbewusst.

Es ist häufig fraglich, ob man das Ergebnis dann noch als eigenen Stil bezeichnen kann.

Wie man sich selbst die Kunden wegnimmt

Ein einseitiges und langweiliges Portfolio fällt den potenziellen Kunden auf und schreckt ihn ab. Ein Webdesigner soll kreativ und vielseitig sein.

Viele Schätzen die Vielseitigkeit des Berufes. Jedes Projekt ist ein neues Projekt. Ein anderer Kunde, ein anderes Unternehmen, eine andere Branche. Das macht die Arbeit sehr interessant.

Aber seid ihr so vielseitig, wie die Branche, in der ihr arbeitet?

Der eigene Stil macht einen sicherlich nicht vielseitiger sondern schränkt einen eher ein. Aus dem Beharren auf den eigenen Standpunkten, dem eigenen Geschmack, resultieren häufig sehr ähnliche Webseiten, die viele potenzielle Kunden nicht interessieren.

Je vielfältiger das eigene Portfolio ist, desto mehr potenziellen Kunden wird es gefallen.

Jeder Kunde fordert andere Fähigkeiten von seinem Webdesigner. Oder besser gesagt: Jede Zielgruppe gefällt ein anderer Stil.

Findet den Stil für eure Zielgruppe

Der eigene Stil trifft den eigenen Geschmack. Das habe ich bereits oben geschrieben und dieser Satz ist ein Knackpunkt. Er erklärt eigentlich sofort, warum man den eigenen Stil nicht suchen braucht, warum er irrelevant ist.

Denn der Geschmack des Webdesigners ist bei den meisten Webprojekten irrelevant. Außer der Webdesigner passt genau in die Zielgruppe oder es handelt sich um ein privates Projekt.

In allen andere Fällen muss der Webdesigner die Zielgruppe der Internetseite kennen und genau deren Geschmack treffen. Eine nahezu perfekte Webseiten muss keine Awards gewinnen, sie muss einfach der Zielgruppe extrem gut gefallen.

Wir sind uns ja fast alle darüber einig, dass Webdesign nicht Dekoration sondern Kommunikation ist und daraus folgt, dass ein Webdesigner wissen muss, mit wem er kommunizieren will und das ist nun mal die Zielgruppe. An ihr führt kein Weg vorbei. Kennt immer eure Zielgruppe und gestaltet nicht für euch, wenn es geht nicht ausschließlich für euren Kunden sondern hauptsächlich für die Leute, die dem Kunden das Geld bringen und euch damit finanzieren.

Bildet euch weiter, schafft euch neue Möglichkeiten

Der eigene Stil ist eine Katastrophe, wenn er Unflexibilität verursacht. Häufig ist er auch ein Argument, um Weiterbildung in bestimmte Richtungen zu vernachlässigen.

Ich bin froh, dass ich meinen Stil noch nicht gefunden habe, ich würde mich zu Tode langweilen. Edgar Degas

“Mit aufwändigen Photoshop Effekten beschäftige ich mich nicht. Das ist einfach nicht mein Stil” oder “gerundete Ecken finde ich nicht schön. Die Techniken brauche ich nicht” sind zwei Beispiel dafür, wie negativ sich der eigene Geschmack auswirken kann.

Zu einem Job gehört auch mal etwas, das man nicht 100%ig mag. Und wenn man für eine Firma arbeitet, die total runde Autos baut, sollte man sich, auch wenn man es selber nicht mag, darüber Gedanken machen, ob nicht auch abgerundete Ecken ganz gut ins Design passen würden.

Ich bin mir sicher, dass Webdesign auch mehr Spaß bringt, wenn man selber mehr Möglichkeiten hat. Und viele Fähigkeiten ziehen auch mehr Kunden an.

Fazit

Ein guter Webdesigner braucht keinen eigenen Stil. Er kann sogar ohne Probleme auf ihn verzichten. Er gestaltet erfolgreiche Webseiten und damit eine Webseite erfolgreich wird, braucht sie keinen persönliche Note des Designers.

Das Portfolio des bekannten Designers Jason Santa Maria beinhaltet viele verschiedene Firmen und genauso unterschiedlich sind auch die Webseiten.
Ob eckig, rund, schlicht oder grafisch aufwändig: Dort findet man so ziemlich alles.

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Ich will aber noch etwas hinzufügen: Ich habe ganz bewusst etwas übertrieben. Natürlich kann man seinen eigenen Stil haben, ohne dass jedes Design gleich aussieht.
Trotzdem glaube ich, dass der eigene Stil selten weiterhilft. Außer einem selber. Man fühlt sich vielleicht wohler mit den Webseiten, die man gestaltet.
Aber man sollte sich nicht deswegen wohlfühlen, weil man eine Webseite gestaltet hat, die den eigenen Geschmack perfekt trifft. Man sollte sich freuen, wenn die Arbeit der Zielgruppe gefällt.

Findet ihn und versteckt ihn

Für einige ist es vielleicht dennoch enorm wichtig, dass sie ihren eigenen Stil finden. Und vielleicht hat auch der oben genannte Jason Santa Maria seinen eigenen Stil. Er versteckt ihn aber gut.

Überprüft eure Arbeiten selber: Wo könnte man die Webseite noch ansprechender für die Zielgruppe machen?

19 Kommentare

  1. Michael
    16. April 2010 um 21:27 Uhr

    Wenn man in Routine verfällt ist das sicherlich eine wenig förderliche Tatsache für die Kreativität. Allerdings hat ein eigener Stil weniger mit “immer den gleichen Verläufen und Rastern zu tun”. Für mich bedeutet es eher eine gewisse Art der Herangehensweise an ein Projekt. Wer sich Templates schafft die nicht erweiterbar sind oder sich leicht in einen anderen Kontext bringen lassen macht sicherlich etwas falsch. Wer sich aber genug Spielraum bei den Details lässt der kann mit konsequetem Konzept auch gut fahren.
    Stile können sich ja glücklicherweise weiterentwickeln.

  2. Ohrflieger
    16. April 2010 um 21:34 Uhr

    Interessanter Artikel. Webdesign-Galerien sind schon ein Problem, da man sich (wie du auch gesagt hast) immer in irgendeiner Weise inspirieren lässt.
    “Stil” zeichnet sich aber nicht nur durch das grafische Design aus, sondern auch das funktionale Design. Funktionalität, ausgerichtet auf die Zielgruppe, ist meiner Meinung nach wichtiger als die grafische Darstellung der Informationen. Obwohl das eine mit dem anderen zusammenhängt. 😀

  3. Jan
    21. April 2010 um 10:34 Uhr

    Optimalerweise hat man im Berufsleben im Design-Bereich gar keinen eigenen Stil, sondern kann sich variabel an die Bedürfnisse des Kunden anpassen.
    Eine eigene Herangehensweise würde ich nicht mit eigenem Stil gleichsetzen.

  4. Niko
    22. April 2010 um 17:07 Uhr

    Sehr ausführlicher und interessanter Artikel, jedoch ist meiner Meinung nach der Stil vollkommen egal.
    Er ist eine Illusion, die sich jeder Mensch aufrecht erhalten will, damit er bloß “einzigartig” sein kann.

    In meinen Augen ist Design dann gut, wenn es Usability mit den neusten Trends und Technologie vereint und somit einen bleibenden Eindruck bei Besuchern hinterlässt.

    Egal, ob man nun von irgendetwas inspiriert wurde oder nicht,
    am Ende zählt das Resultat, und dies hat man selbst zu veranworten.

    Gruß Niko

  5. karin
    24. April 2010 um 09:51 Uhr

    Eigener Stil – das ist in Ordnung. Allerdings ist es dann schlecht, wenn man nicht mehr flexibel sein kann. Der Wunsch des Kunden hat immer Priorität. Ich persönlich finde es langweilig, immer im selben Stil zu arbeiten.

  6. Stefan
    27. April 2010 um 22:04 Uhr

    Interessanter Artikel.

  7. Fabian
    4. Mai 2010 um 13:54 Uhr

    @Niko: Ich denke Design spielt durchaus eine wichtige Rolle. Im ersten Moment in dem man auf einer Website landet, sieht man nur das Design, und spürt schon ob man sich auf dieser Website “wohl fühlt” oder nicht. Auch wenn das nicht so bewusst wahrgenommen wird. Ist denke ich vor allem für kommerzielle Designs wichtig, da die meisten Produkte von verschiedenen Quellen angeboten werden und sich der potentielle Kunde dann wohl für die “angenehmste” Website entscheidet.

    Aber durchaus Interessanter Artikel!

  8. Bernhard
    9. Mai 2010 um 13:41 Uhr

    Ich bin schon der Meinung, dass jeder Designer sein eigenes “Branding” im Design haben sollte, und in der Regel auch hat. Das ist es ja, womit man Kunden auch längerfristig binden kann 😉

    Gruß, Bernhard (http://www.sk-webentwicklung.de)

  9. Carsten
    10. Mai 2010 um 15:38 Uhr

    Klasse Artikel. Man fühlt sich ab und an ertappt 🙂

  10. Klaus
    10. Mai 2010 um 22:25 Uhr

    Der eigene Stil wird sich dann schon früher oder später sowieso rausstellen. Wenn es ein nicht so guter Stil ist, wird sich das dann auch schnell bemerkbar machen.

  11. BCP-Design
    26. Mai 2010 um 20:03 Uhr

    Ich denke ebenfalls dass es schlecht ist, seinen eigenen Stil zu haben. Denn meiner Meinung nach ist es viel wichtiger auf die Bedürfnisse und Wünsche des einzelnen Kunden einzugehen. Auch wenn das nicht immer leicht fällt 😉

  12. Josi-Su
    7. Juni 2010 um 18:20 Uhr

    Ein eigener Stil ist wichtig, egal für welchen Kunden man arbeitet. Die Kunst ist es, den Bedürfnissen des Kunden zu entsprechen, aber dabei nicht sich selbst und seinen eigenen Stil aufzugeben. Kreativität ist, wenn man das erfolgreich ausbalancieren kann.

  13. Werbeagentur Berlin
    6. Juli 2010 um 16:24 Uhr

    ich denke, dass jeder Gestalter in einer gewissen Art seinen “Stil” hat, der nur mal hier, mal dort zutage kommt. Ganz in Abhängigkeit vom Auftrag…

  14. Webdesigner Bamberg
    7. Juli 2010 um 12:39 Uhr

    Ganz wichtig ist auch, dass man sich ab und an als Webdesigner breit gestreut bei der Konkurrenz umsieht, um sich Inspirationen zu holen. Natürlich nichts abkupfern oder kopieren… aber das bringt einen wieder ein wenig von “routinierten” Gestaltungen ab. Schließlich ist auch Webdesign ein Prozess, der Strömungen und Innovationen unterlegen sein darf.

  15. markenfaktur
    13. Juli 2010 um 12:52 Uhr

    Es ist doch so:

    Jeder Mensch hat eine eigene Identität, die sich durch seine Herkunft, Erfahrungen, Einstellungen und Werte entwickelt hat. Wenn man für sich selbst ein Website o.ä. gestaltet, dann muss man tatsächlich einen (eigenen) Stil für sich und seine Identität finden.

    Wer aber als Designer und damit Dienstleister für Kunden arbeitet hat eine ganz andere Aufgabenstellung: Der Kunde und dessen Unternehmen hat auch eine Corporate Identity (Identität des Unternehmens) die Grundlage aller gestalterischen Aktivitäten ist. Der eigene Stil hat hier nichts mehr zu suchen. Es gilt die Identität des Kunden zu benennen und eine dafür adäquate Formsprache bzw. einen adäquaten Stil zu entwickeln.

    Kurz:
    Stil ist immer Ausdruck von Haltung, Identität und Inhalt. Das gilt für Design genauso wie in der Kunst, Mode oder Architektur.

  16. Shaun
    11. Februar 2011 um 12:03 Uhr

    Ich bin noch nach der Suche nach dem richtigen Stil für meinen ersten WordPress Blog. Leider habe ich einen Anbieter gewählt, wo ich zwar nicht selber hosten muss, dafür aber immer automatisch Werbung eingeblendet bekomme. Aber ich werd das projekt auf einem eigenen Server relaunchen und mach mir jetzt schonmal Gedanken über den richtigen Stil.

  17. Werbeagentur Hamburg
    10. Juni 2011 um 10:48 Uhr

    Man sollte sich soviel wie möglich Inspiration holen und das nicht nur vor dem Bildschirm. Denke da zum Beispiel an einen Spaziergang durch die Stadt oder über einen Markt. Dadurch hat man als Webdesigner gleich zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen. Man hat sich mal vom Bildschirm entfernt und etwas an der frischen Luft bewegt und man kann gleichzeitig einige neue Inspirationen oder Ideen mit nach Hause nehmen. In diesem Sinne – ab nach draussen.

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